„Bitte höre, was ich nicht sage“ – Was Mails in der Onlineberatung verraten

Auf den ersten Blick war es eine völlig unauffällige E-Mail. Gut formuliert. Sachlich. Freundlich. Nichts, was Alarm ausgelöst hätte. Und doch blieb etwas hängen.

Foto: Tina Devidze – unsplash

Zwischen den Zeilen war eine Spannung zu spüren, ein sorgfältiges Abwägen jedes Wortes, als würde jemand sehr darauf achten, nicht zu viel Raum einzunehmen. Die Frage stand nicht im Text. Sie war im Text.

Wenn Funktionieren zur Erschöpfung wird

In der Onlineberatung begegnen mir immer wieder Menschen, die funktionieren – die reflektiert, anpassungsfähig und stark sind. Oft so gut, dass man leicht überliest, wie viel Kraft das kostet. Sie schreiben zwischen den Zeilen. Sie verstecken ihre eigentlichen Fragen in Nebensätzen. Sie entschuldigen sich für ihre Bedürfnisse, noch bevor jemand etwas gesagt hat.

Der Bildschirm schafft Distanz, wo Nähe gerade zu viel wäre. Menschen schreiben, weil sie Angst haben, abgewiesen zu werden. Missverstanden zu werden. Überlesen zu werden.

Und doch: In genau diesem Paradoxon liegt eine Chance.

Foto: Sam Spencer – unsplash

Der Bildschirm wird zum Vorhang,

hinter dem Menschen vorsichtig ausprobieren, ob die Bühne sie trägt. Ob sie willkommen sind. Ob es sicher ist, sich zu zeigen.

So ist die Onlineberatung oft der erste Ort, an dem jemand wagt, vorsichtig sichtbar zu werden, in eigenem Tempo, mit Abstand und doch in Beziehung.

„Bitte höre, was ich nicht sage.“

Dieses vorsichtige Sich-Zeigen lässt mich immer wieder an einen Satz denken, den ich gerne zitiere: „Bitte höre, was ich nicht sage.”

Er stammt aus dem „Brief eines Studenten” von Dorothee Sölle, ein Text über die Angst, nicht wirklich gesehen zu werden, und die Sehnsucht nach Annahme trotz aller Zweifel und Masken. Ein Text, der in meiner Arbeit nichts von seiner Kraft verloren hat.

Echte Begegnung – nur anders:

Hinter jeder Mail, jeder Chatnachricht sitzt ein Mensch mit genau dieser Spannung: dem Wunsch, verstanden zu werden, und der Angst, abgewiesen zu werden.

Onlineberatung ist kein Ersatz für echte Begegnung. Sie ist echte Begegnung. Nur anders. Und manchmal ist sie genau der Raum, den ein Mensch braucht, um überhaupt anfangen zu können.

Vielleicht ist das das Wichtigste, was uns als Beratende beschäftigen sollte: nicht nur zu hören, was gesagt wird, sondern auch Raum zu geben für das, was noch schweigt.

Autorin des Artikels: Birgit Knatz

Den „Brief eines Studenten“ von Dorothee Sölle finden Sie hier