Erkenntnisse aus meiner Diplomarbeit über biographische Erfahrungen im Ehrenamt bei youth-life-line

Was passiert mit einem jungen Menschen, der sich über Monate hinweg ehrenamtlich in einer Online-Beratung engagiert und dabei täglich mit den Krisen anderer in Berührung kommt? Wird er davon belastet? Überfordert? Oder geschieht etwas ganz anderes?
Genau dieser Frage bin ich nachgegangen. Ich habe ehemalige Peerberatende der Online-Jugendberatung youth-life-line interviewt und ihre biographischen Erzählungen ausgewertet. Die Antwort, die ich gefunden habe, hat mich beeindruckt und bestärkt.
Nicht geschwächt, sondern gewachsen
Alle Befragten würden ihr Engagement wiederholen. Nicht zögernd, sondern klar und überzeugt. Sie beschreiben ihre Zeit bei youth-life-line als etwas, das sie im besten Sinne verändert hat.
„Ich bin dort klarer geworden, klarer darüber, wer ich bin, was mir wichtig ist und wie ich mit anderen Menschen umgehen will.“
Statt Überforderung berichten die Jugendlichen von Stärke, Reife und einem gefestigten Selbstbild. Sie wuchsen an der Verantwortung, nicht trotz der schwierigen Themen, sondern gerade wegen ihnen.
Was sie konkret mitgenommen haben
Aus den Gesprächen zeichneten sich immer wieder dieselben Lernerfahrungen ab:
- Empathie & Zuhören
- Menschen in Krisen begleiten – auch wenn es schwer wird
- Eigene Krisen meistern
- Das Gelernte in schwierigen Lebensphasen auf sich selbst anwenden
- Grenzen setzen
- Eigene Grenzen wahrnehmen und das als Stärke erleben
- Weltoffenheit
- Durch fremde Lebenswege den eigenen Blick weiten
- Kommunikation
- Gespräche führen, im Team denken – Fähigkeiten fürs Leben
Viele der Befragten haben sich nach ihrem Ehrenamt für einen sozialen Beruf entschieden. Das Engagement war ein prägender Baustein in ihrer Biographie.

Peerberatung hilft in beide Richtungen
Eine der zentralen Erkenntnisse meiner Arbeit lässt sich so zusammenfassen: Peerberatung stärkt nicht nur die, die Hilfe suchen, sie stärkt auch die, die helfen.
Jugendliche wenden sich gerne an Gleichaltrige. Sie sprechen anders, hören anders zu, verstehen anders. Und die jungen Menschen, die diese Rolle übernehmen, entwickeln sich dabei zu etwas Besonderem: zu reflektierten, empathischen, sozial verantwortlichen Erwachsenen.
Ein Projekt wie youth-life-line trägt damit auf mehreren Ebenen zur Gesellschaft bei, es ist weit mehr als eine Krisenhotline.
Was ich mir für die Zukunft wünsche
- Mehr außerschulische Räume, in denen sich Jugendliche erproben können
- Mehr Peerberatungsangebote, die Ratsuchende und Engagierte gleichermaßen stärken
- Den Mut, Jugend nicht als Problemphase zu sehen, sondern als Zeit der Persönlichkeitsentwicklung

Alle Befragten äußerten den Wunsch, sich weiter zu engagieren. Eine Person träumte davon, selbst ein Peerberatungsprojekt zu gründen. Das sagt alles.
Ehrenamt in der Online-Jugendberatung ist kein Opfer. Es ist ein Geschenk: für andere und für die eigene Lebensgeschichte. Wer Jugendlichen diesen Raum gibt, gibt ihnen etwas, das bleibt.
Autorin des Artikels: Daniela Frattollino
Diplom-Pädagogin, zertifizierte Onlineberaterin
