„Das können Sie halten, wie du willst.“ So hat es Herbert Wehner formuliert.

Besser lässt sich nicht ausdrücken, wie sehr sich eine kleine sprachliche Entscheidung auf unsere Beziehungen auswirkt. In der Onlineberatung begegnen mir diese Fragen regelmäßig: Soll ich Klient:innen duzen oder siezen? Was schafft Vertrauen und was überschreitet Grenzen?
Du oder Sie? Eine Frage der Beziehungsgestaltung
Das „Du“ kann ein Türöffner sein, denn es signalisiert Nähe und Augenhöhe. Manchmal vermittelt es auch die Botschaft: „Ich begleite dich, ich bin nicht über dir.“ Das „Sie“ dagegen schafft Struktur. Es schützt die professionelle Distanz, was besonders wichtig ist, wenn Menschen verletzlich sind und einen klaren Rahmen brauchen.

Sprache als kultureller Code
Sprache ist sowohl ein Beziehungsangebot als auch ein kultureller Code. Die Anrede ist ein Spiegel der Kommunikationskultur. Im Deutschen ist die Entscheidung zwischen „du“ und „Sie“ ein feines Instrument zur Regulierung sozialer Distanz. Sie hängt sowohl vom Gegenüber als auch vom Medium ab.
Das Medium macht den Unterschied
Am Telefon greifen viele auf bewährte Höflichkeitsnormen zurück, denn die Stimme vermittelt Alter, Status und Tonfall und aktiviert damit Hierarchien. Im Chat fehlen diese Merkmale. Es gibt keine Körpersprache und keinen Tonfall, der soziale Raum wirkt flacher, direkter und oft auch vertrauter. Daher setzt sich dort fast automatisch das „Du“ durch.
Diese Muster sind kein Zufall, denn digitale Kommunikation ist nicht in formellen Kontexten entstanden. Sie stammt aus Gaming-Communities, Foren und sozialen Netzwerken – Räumen, in denen das „Du“ als Standard galt. Und diese Kultur wirkt, auch wenn wir beraten.

Bewusstes Abwägen in der Onlineberatung
Was bedeutet das für die Onlineberatung? Gerade hier, wo Menschen oft mit sehr persönlichen Anliegen kommen, braucht es ein bewusstes Abwägen: Das „Du“ kann verbinden, aber auch zu schnell Nähe suggerieren. Das „Sie“ kann schützen und Abgrenzung signalisieren. Die Enthemmungseffekte im Netz senken Schwellen, können aber auch professionelle Schutzräume gefährden.
Nicht jede:r erlebt Nähe als angenehm. Manchmal wirkt sie sogar übergriffig. In vielen Organisationen gibt es unterschiedliche Höflichkeitszonen: Im internen Chat wird geduzt, im Kund:innenkontakt gesiezt. Auch das zeigt: Medien haben ihre eigene Höflichkeitslogik, unabhängig von Technik oder Status.
Bewusst entscheiden statt automatisch reagieren
Sprache wirkt. Die Entscheidung zwischen „Du“ und „Sie“ ist also keine Formalität, sondern eine Frage von Haltung, Kontext und Feinfühligkeit. Nicht automatisch duzen. Nicht dogmatisch siezen. Sondern bewusst entscheiden. Denn Nähe kann verbinden oder bedrängen. Distanz kann schützen oder ausgrenzen. Auch wenn der Kontakt digital ist, ist die Beziehung echt.
Autorin des Artikels: Birgit Knatz
